Hier finden Sie
eine kurze Leseprobe von "Ein Haus in Berlin" (Erzählungen)
(ISBN 978-3-939939-07-8)

Nacktfoto

Es war ein langgehegter Wunsch von ihr.
Ihre Mutter, die Tante, ihre Schwester mit den beiden jungen Töchtern
und sie. Auf einem Foto. Nackt.
Eine Spanne von fast sechzig Jahren. Jugend, Mittelalter und Alter.
Zwanzig die Jungen, bald achtzig die Alten.
Ohne Scham, mit Stolz und allem Anspruch auf Glück. Aus Anlass ihres
runden Geburtstags wollte sie die Sache angehen.
Es sollte das Geschenk der Frauen an sie werden. Sie würde die Kosten gerne tragen.
Die Nacktheit wäre ein Geschenk, zu dem sie furchtlos das Ihre beitragen wollte.
Die ältere Schwester sah noch nicht ein, wozu das gut sei.
Die Mutter war noch nicht gefragt worden. Die Tante tanzte,
trotz ihres Alters, oft immer noch nackt auf der Bühne.
Im Rahmen immer neuer Performances.
Die schönen Töchter der Schwester, ob sie mitmachen würden?
In Berlin musste es sein. Nur in Berlin.
In einem Atelier, vor einer schwarzen Wand. Ohne Accessoires.
Nur mit ihrer Nacktheit.
Mit ihrem Stolz und ihren kleinen Bedenken.
Klein waren diese für sie. Sie wollte sich ihrem Alter stellen.
Nackt. Und die Mutter? Bald achtzig. Auch hier hatte sie keine Bedenken.
Das Fleisch ihrer Mutter konnte man zu Markte tragen.
Es war mehr als eine Ware, war Leben und Tod. Glück und Leid.
Freiheit und Angst.
Sie kannte eine gute Fotografin in Berlin.
Es musste unbedingt eine Fotografin sein. Sie freute sich
bei dem Gedanken daran, dass alle Beteiligten mit kleinem Gepäck anreisen würden.
Um beim Packen für diesen Kurzaufenthalt dann immer mehr einzupacken.
Dies noch und jenes, als bedürfe der Grad ihrer Nacktheit immer weitere
Gegenstände, um sie zu beschützen.
Manches davon würden sie wieder auspacken.
Sie sah alle Beteiligten sternförmig mit ihren Rollkoffern auf das
Hotel zusteuern und freute sich.
Als sei der Akt des Fotografierens ihre zweite Geburt. Ihr ging es nicht um
Schönheit, nicht um die beste Position, den Leib zu präsentieren.
Es ging ihr um die Kraft der nackten Frauen, die sie in das Foto einbrächten.
Eine neue Art der Zusammengehörigkeit.
Füreinander und für sich selbst.
Das reife Fleisch von Mutter und Tante verband sich
mit dem der immer noch jung Gebliebenen, die durch Sport, Yoga, Laufen und Sportstudios immer noch gut im Rennen lagen und mit den Körpern
der jungen Frauen in eine Konkurrenz traten, die keine mehr war.
Sie bildeten eine Einheit.
Eine Kraft, die drei Lebensabschnitte zu einem verband: der der Familie.
Wenn auch bloß von deren weiblichen Teil. Oder gerade deshalb?

Aus " WINTERREISE "

9.

Warum wanderte er?
Auch er musste eine Trennung überwinden. Nach sieben Jahren.
Er hatte gedacht, dass es ein Leben lang trüge.
Ihn traf mehr, dass er einem Trugschluss erlegen war.
Der Partnerin machte er keinen Vorwurf. Weder ihr noch sich selbst.
Es hatte nicht funktioniert. Man ging freundschaftlich auseinander.
Aber eine Enttäuschung blieb doch. Das Leben spielte mit anderen Karten.
Das As im Jackenärmel, dass einen schützen sollte, war wertlos.
Hier wurde mit Karten gespielt, deren Regeln er nicht beherrschte.
Jemand trieb sein Spiel mit ihm.
Mehr als der Wind in den Wäldern der Vogesen und in den Weinbergen des Elsass.


10.

Als er an eine Herberge kam, fühlte er, dass seine Freiheit ein Ende gefunden hatte.
Sein Bett holte ihn in die Zivilisation zurück. Er war umstellt
von vielen Helfern des Alltags. Die Utensilien bedeutetem ihm,
du bist wieder zurück. Das gute Leben hat dich wieder.
Und du bist dankbar dafür. Bist nur zu gerne bereit, dich zu ergeben.
Die Freiheit eines Wanderers gegen die Freiheit der Dinge einzutauschen,
die das Leben angenehm machen.
Als er den Gastraum betrat, lief im Fernsehen ein Bericht über die
Entführung Hans-Martin Schleyers.
Man wusste bereits, dass sich die Entführer mit ihrem Opfer
im Elsass aufhielten.
Er wunderte sich, dass ihn die Wirtin nicht bei der Gendarmerie angezeigt hatte.
Schließlich war er aus dem Wald gekommen. Sie hatte ihn kommen sehen.
Nach dreieinhalb Tagen dort auch nicht mehr ganz zivilisiert.
Er hatte einen Armeerucksack auf dem Rücken, sprach deutsch, hatte das
richtige Alter. Lange blonde Haare und blaue Augen.


11.

Er hätte es der Wirtin nicht einmal übelgenommen.
Schließlich war er kein Freund der RAF. Doch sprach manches dafür,
dass er vielleicht zu ihr gehörte.
Hätte die Wirtin gewusst, wie nahe sie alle dem Versteck der
Terroristen waren, sie hätte ihn angezeigt, da war er sich sicher.
Aus dem Wald seiner Freiheit kommend, wäre er verhaftet worden.
Er wäre dann vom Wandern gekommen, vom Wandern.







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